{"id":4065,"date":"2022-02-19T11:00:25","date_gmt":"2022-02-19T10:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/athleten-deutschland.org\/?p=4065"},"modified":"2022-02-20T21:34:44","modified_gmt":"2022-02-20T20:34:44","slug":"sportpolitischer-rueck-und-ausblick-nach-den-olympischen-winterspielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/testsystem.meisel-webdesign.de\/athleten-sandbox\/sportpolitischer-rueck-und-ausblick-nach-den-olympischen-winterspielen\/","title":{"rendered":"Sportpolitischer R\u00fcck- und Ausblick nach den Olympischen Winterspielen"},"content":{"rendered":"<p>Berlin, 19. Februar 2022. Die Olympischen Spiele in Beijing neigen sich dem Ende zu. Die Leistungen und sportlichen Erfolge der Athlet*innen haben uns begeistert. Wir begl\u00fcckw\u00fcnschen sie zu ihren beeindruckenden Ergebnissen und zollen ihnen unseren h\u00f6chsten Respekt. Hinter der Teilnahme an den Olympischen Spielen und jeder sportlichen H\u00f6chstleistung stehen <strong>pers\u00f6nliche Geschichten<\/strong>, denen wir jeder einzelnen gro\u00dfe Wertsch\u00e4tzung entgegenbringen.<\/p>\n<p>Die desastr\u00f6se Menschenrechtslage in China, Sicherheitsbedenken und die besonderen Umst\u00e4nde der Pandemie haben bereits im Vorfeld Schatten auf die Spiele geworfen. Wir sind beeindruckt vom <strong>Willen und Durchhalteverm\u00f6gen<\/strong> aller Athlet*innen, die den Weg nach Beijing angetreten haben. Alle Athlet*innen werden voraussichtlich wohlbehalten nach Hause zur\u00fcckkehren. Wir w\u00fcnschen uns, dass sie auf ausreichend <strong>mentale Unterst\u00fctzungsangebote<\/strong> zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen, die im Nachgang von Karriereh\u00f6hepunkten &#8211; wie den Spielen &#8211; besonders wichtig sind.<\/p>\n<p>Die Spiele in Beijing wurden in den vergangenen Wochen und Monaten zu Recht kritisch diskutiert. Auch wir haben uns zur menschenrechtlichen Lage in China, zur <a href=\"https:\/\/testsystem.meisel-webdesign.de\/athleten-sandbox\/wp-content\/uploads\/20220126_Sport-und-Menschenrechte_Handlungsoptionen_AD.pdf\">Verantwortung des IOC, von Staaten, Verb\u00e4nden und Sponsoren<strong> ausf\u00fchrlich positioniert<\/strong><\/a>. Nach dem Fall Peng Shuai haben wir das IOC zudem <a href=\"https:\/\/testsystem.meisel-webdesign.de\/athleten-sandbox\/wp-content\/uploads\/20211206_Nach-Fall-Peng-Shuai_Farbe-bekennen_Athlet_innen-schuetzen-3.pdf\">in einer ausf\u00fchrlichen Analyse letztes Jahr aufgerufen<\/a>, Farbe zu bekennen: Die m\u00e4chtigste Organisation in der Welt des Sports muss seiner <strong>F\u00fcrsorgepflicht f\u00fcr Athlet*innen und seiner menschenrechtlichen Verantwortung <\/strong>endlich oberste Priorit\u00e4t einr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Bereits vor den Spielen hat das IOC <a href=\"https:\/\/testsystem.meisel-webdesign.de\/athleten-sandbox\/wp-content\/uploads\/20220126_Sport-und-Menschenrechte_Handlungsoptionen_AD.pdf\">zahlreiche Chancen ausgelassen<\/a>, seinen menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten zufriedenstellend und glaubw\u00fcrdig nachzukommen. Au\u00dferdem haben sich Sorgen rund um unzureichende Quarant\u00e4nebedingungen, verst\u00e4rkte Zensuraktivit\u00e4ten durch China oder Einschr\u00e4nkungen der Internet- und Pressefreiheit <a href=\"https:\/\/www.hrw.org\/news\/2022\/02\/18\/china-censorship-mars-beijing-olympics\"><strong>als berechtigt herausgestellt<\/strong><\/a>. Das IOC hat sich <strong>nicht entschieden genug<\/strong> von chinesischen <a href=\"https:\/\/testsystem.meisel-webdesign.de\/athleten-sandbox\/2022\/01\/20\/nach-offener-drohung-ioc-muss-meinungsfreiheit-der-athletinnen-schuetzen\/\">Drohungen gegen kritische \u00c4u\u00dferungen von Athlet*innen<\/a> distanziert. Es hat der Gefahr vor Aussp\u00e4hung und Spionage <strong>nicht glaubhaft einen Riegel vorschieben k\u00f6nnen<\/strong>, nicht zuletzt durch bekannt gewordene <a href=\"https:\/\/testsystem.meisel-webdesign.de\/athleten-sandbox\/2022\/01\/19\/stellungnahme-zu-eklatanten-sicherheitsluecken-der-my2022-app\/\">Sicherheitsl\u00fccken in der My2022-App<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Mehrere Vorf\u00e4lle bei den Spielen<\/strong> haben zudem deutlich gemacht, dass die <strong>Kultur des Schweigens beim IOC dringend beendet werden muss<\/strong>. Sie ist nach wie vor ungeeignet, gar kontraproduktiv, um die f\u00fcr den Sport schwierige Gratwanderung zu meistern, sich politisch nicht vereinnahmen zu lassen, v\u00f6lkerverst\u00e4ndigend zu wirken und dabei seine Werte nicht zu verraten. Das <strong>fortw\u00e4hrende Schweigen des IOC<\/strong> zu schwersten Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in China <strong>verleiht diesen stille Akzeptanz<\/strong>. Im Umgang mit Peng Shuai und Taiwan hat sich das IOC <strong>der chinesischen Staatsf\u00fchrung angedient<\/strong>. Wie erwartet konnte China die Spiele als <strong>Plattform f\u00fcr seine Propagandazwecke<\/strong> nutzen, so auch gleich zu Beginn, als es eine uighurische Fackell\u00e4uferin f\u00fcr die Er\u00f6ffnungsfeier w\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Die Athlet*innen sind die sichtbarste Gruppe bei den Spielen. Sie tragen allerdings <strong>keine Verantwortung f\u00fcr die Situation<\/strong>, in die sie das IOC man\u00f6vriert hat, und k\u00f6nnen zum jetzigen Zeitpunkt kollektiv zu wenig gegen\u00fcber dem IOC und dem internationalen Verbandssystem bewirken. Zu Beginn der Spiele <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/sport\/olympia\/Thomas-Bach-irritiert-mit-seltsamem-Vergleich-article23103236.html\">ist klar geworden<\/a>, dass das IOC sie als <strong>Schauspieler in einem Theaterst\u00fcck<\/strong> betrachtet, das es gemeinsam mit China auff\u00fchrt. Athlet*innen sind betroffen von Entscheidungen, in die sie nicht eingebunden waren; sind <strong>selbst Menschenrechtsrisiken im Sport ausgesetzt<\/strong>.<\/p>\n<p>Niemand unter den Athlet*innen <em>muss<\/em> sich zu den Umst\u00e4nden der Spiele \u00e4u\u00dfern. <strong>Alle m\u00fcssen aber das Recht haben<\/strong>, sich sicher und ohne Nachteile \u00e4u\u00dfern zu k\u00f6nnen. Diese Position zur Meinungsfreiheit von Athlet*innen <a href=\"https:\/\/testsystem.meisel-webdesign.de\/athleten-sandbox\/wp-content\/uploads\/Position-zur-Meinungsfreiheit-von-AthletInnen-September-2020.pdf\">haben wir bereits ausf\u00fchrlich dargelegt<\/a>. Manche haben von ihrem Recht Gebrauch gemacht. Wir haben Verst\u00e4ndnis, wenn sich andere auch aus Selbstschutz zensiert haben. <strong>Wir sind entt\u00e4uscht, dass eine kontinuierlich kritische Flankierung der Spiele durch institutionelle Akteure <\/strong>wie Sponsoren oder Verb\u00e4nde<strong> weitgehend ausblieb.<\/strong> Eine <strong>Grundsatzposition des DOSB zur menschenrechtlichen Verantwortung<\/strong> des Sports im Allgemeinen und mit Blick auf die Spiele in China <strong>steht bis heute aus<\/strong>.<\/p>\n<p>Die Spiele wurden zudem vom Fall einer mutma\u00dflich gedopten minderj\u00e4hrigen Eiskunstl\u00e4uferin \u00fcberschattet. Das internationale Sportsystem geht seit langem zu lasch und <strong>inkonsequent gegen die russische Dopingkultur<\/strong> vor. Es w\u00e4re unvorstellbar, dass eine gedopte Sportlerin aus Russland acht Jahre nach dem russischen Staatsdopingskandal eine Medaille bei Olympischen Spielen gewinnen kann. Sie selbst ist <strong>Leidtragende eines gnadenlosen Systems<\/strong> und muss nun den <strong>Preis ihrer Instrumentalisierung durch ihr Umfeld<\/strong> zahlen. Dort sind die Verantwortung und Schuld zu suchen, nicht bei der minderj\u00e4hrigen Athletin.<\/p>\n<p>Ihr Fall macht traurig und w\u00fctend, weil Gewalt und grenzverletzende Trainingsmethoden, insbesondere in \u00e4sthetischen Sportarten, f\u00fcr keinen der Verantwortlichen eine \u00dcberraschung sein d\u00fcrften. Wir bef\u00fcrworten, dass das <strong>Wettkampfalter <\/strong>dort, wo geboten,<strong>angehoben werden sollte<\/strong>. Wir begr\u00fc\u00dfen, dass das IOC diese Diskussion nun auch mit den Weltverb\u00e4nden <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/mindestalter-altersgrenze-leistungssport-olympia-walijewa-bach-ioc-100.html\">f\u00fchren will<\/a>. Auf internationaler Ebene m\u00fcssen das IOC und die Verb\u00e4nde dringend <strong>Menschenrechtsstrategien umsetzen<\/strong>, um den Risiken f\u00fcr Menschen- und Kinderrechte im Sport proaktiv zu begegnen. Es sind zudem <strong>Mechanismen zu entwickeln, um mit Rechteverletzungen angemessen umgehen und Wiedergutmachung leisten zu k\u00f6nnen<\/strong>.<\/p>\n<p>Verb\u00e4nde k\u00f6nnen <strong>nicht unabh\u00e4ngig agieren und unterliegen Interessenkonflikten<\/strong>. Der Umgang des IOC und der ISU im Fall der russischen Athletin hat zudem gezeigt, dass international nicht eingegriffen wird oder werden kann. Analog zur aktuellen Safe Sport-Debatte in Deutschland herrscht auch <strong>international organisierte Verantwortungslosigkeit im Sportsystem<\/strong>. Deshalb braucht es k\u00fcnftig auch auf <strong>dieser Ebene ein globales Regime<a href=\"applewebdata:\/\/59B36F26-34D9-4D17-9A0E-1D9A281EBA7B#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> f\u00fcr Safe Sport<\/strong>, das die Rechte und den Schutz von Athlet*innen sichert, Betroffenen Unterst\u00fctzung bietet und Befugnisse garantiert, einzugreifen, zu untersuchen und sportspezifisch zu sanktionieren. Dies ist insbesondere bei der Durchf\u00fchrung internationaler Wettbewerbe wichtig, aber auch dort, wo auf nationaler oder regionaler Ebene weder Staaten noch Verb\u00e4nde Athlet*innen ausreichend sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Ma\u00dfnahmen wie diese sind allerdings nicht ausreichend, um die <strong>inh\u00e4renten Systemkonflikte<\/strong> des internationalen und nationalen Spitzensports aufzul\u00f6sen. <strong>Dieses System darf nicht l\u00e4nger Anreize bieten, Athlet*innen f\u00fcr sportlichen Erfolg auszubeuten und dabei deren Menschenrechte und insbesondere die Kinderrechte zu verletzen.<\/strong> Athlet*innen haben ein Recht auf bestm\u00f6glichen Schutz und einen humanen Spitzensport. Daf\u00fcr ist ein tiefgreifender Kultur- und Strukturwandel n\u00f6tig, der sich selbst in westlichen L\u00e4ndern wie Deutschland schwierig gestaltet.<\/p>\n<p>Das IOC muss die Vergabe und Durchf\u00fchrung dieser Spiele <strong>kritisch analysieren und sich einer offenen Debatte zur Zukunft der Olympischen Bewegung stellen<\/strong>. Die internationalen Verb\u00e4nde m\u00fcssen ihrer <strong>menschenrechtlichen Verantwortung<\/strong> auf Basis der <a href=\"https:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/blob\/266624\/b51c16faf1b3424d7efa060e8aaa8130\/un-leitprinzipien-de-data.pdf\">UN-Leitprinzipien f\u00fcr Wirtschaft und Menschenrechte<\/a> nachkommen. Es wird k\u00fcnftig <strong>rote Linien<\/strong> bei Vergabeentscheidungen geben m\u00fcssen, deren Entscheidungskriterien auf Menschenrechtsstrategien fu\u00dfen. <strong>Der bisherige<\/strong><strong>Gigantismus muss glaubw\u00fcrdigen Nachhaltigkeitskonzepten weichen<\/strong>. Im Weltsport muss <strong>echte Gewaltenteilung<\/strong> einkehren, mit einer <strong>unabh\u00e4ngigen Schiedsgerichtsbarkeit und unabh\u00e4ngigen Aufsichtsorganisationen<\/strong>, die konsequent gegen Doping, Korruption und Missst\u00e4nde vorgehen und f\u00fcr den Schutz und die Rechte von Athlet*innen eintreten. F\u00fcr diesen Wandel sind <strong>demokratische \u00d6ffnungen<\/strong> und eine substanzielle St\u00e4rkung sowie <strong>Mitbestimmung unabh\u00e4ngiger Athletenvertretungen<\/strong> im Weltsport n\u00f6tig. <strong>Staaten und Sponsoren<\/strong> m\u00fcssen ihre Finanzierung des Sports konsequent an die Umsetzung dieser Reformvorhaben kn\u00fcpfen.<\/p>\n<p>Wir hoffen, dass die Winterspiele in Beijing zumindest noch als Wendepunkt in der Geschichte des Sports eingehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/59B36F26-34D9-4D17-9A0E-1D9A281EBA7B#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Siehe beispielhaft <a href=\"https:\/\/digitalhub.fifa.com\/m\/26007b081f56ec2e\/original\/FINAL-REPORT-OF-THE-CONSULTATION-PROCESS-TO-CONSIDER-THE-CREATION-OF-AN-INTERNATIONAL-SAFE-SPORT-ENTITY.pdf\">FINAL REPORT OF THE CONSULTATION PROCESS TO CONSIDER THE CREATION OF AN INTERNATIONAL SAFE SPORT ENTITY<\/a> im Auftrag der FIFA vom Oktober 2021.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin, 19. 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