{"id":1868,"date":"2020-12-23T00:00:00","date_gmt":"2020-12-22T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/testsystem.meisel-webdesign.de\/athleten\/2020\/12\/23\/den-job-nimmt-man-an-weil-man-sich-ab-und-zu-ganz-gern-die-boxhandschuhe-anzieht\/"},"modified":"2021-08-24T14:02:46","modified_gmt":"2021-08-24T12:02:46","slug":"den-job-nimmt-man-an-weil-man-sich-ab-und-zu-ganz-gern-die-boxhandschuhe-anzieht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/testsystem.meisel-webdesign.de\/athleten-sandbox\/den-job-nimmt-man-an-weil-man-sich-ab-und-zu-ganz-gern-die-boxhandschuhe-anzieht\/","title":{"rendered":"\u201eDen Job nimmt man an, weil man sich ab und zu ganz gern die Boxhandschuhe anzieht!\u201c"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-medium-font-size\"><em>Interview mit Marc Schuh, dem ehemaligen Gesamtaktivensprecher des DBS<br \/><\/em><em>Marc Schuh hat sich vier Jahre als Gesamtaktivensprecher des Deutschen Behinderten Sportverbands f\u00fcr die Rechte der Athlet*innen stark gemacht. Im November gab er den Staffelstab an seine Nachfolgerin, Rollstuhlbasketballerin Mareike Miller weiter. Wir haben den ehemaligen Rollstuhlsprinter gefragt, was am Ende der bewegten Jahren bleibt.<\/em><\/p>\r\n<p><strong>Marc, stell dich doch mal kurz vor!<br \/><\/strong>Mein Name ist Marc Schuh. Ich bin 31 Jahre alt. Ich bin mit einer Fehlbildung der Wirbels\u00e4ule auf die Welt gekommen. Dementsprechend war ich von Anfang an im Rollstuhl. Dar\u00fcber bin ich dann auch in den paralympischen Sport gekommen. In Kindheit und Jugend habe ich Sport ausprobiert, um so gut mit dem Rollstuhl umgehen zu lernen. Mit 10 Jahren hatte ich dann die erste Begegnung mit der Paraleichtathletik und das hat mir richtig Spa\u00df gemacht. Im Jugendbereich habe ich einmal alles abger\u00e4umt, was es abzur\u00e4umen gab. Dann bin ich auf die professionelle, beziehungsweise semiprofessioneller Schiene gegangen. Das hei\u00dft, mein Haupteinkommen kam aus dem Sport. Das war damals echt ungew\u00f6hnlich \u2013 mittlerweile ist das gl\u00fccklicherweise anders. Ich wurde Vize- Europameister und Weltmeister und war lange vorne mit dabei. 2017 habe ich dann meinen Abschied aus dem aktiven Sport genommen.<\/p>\r\n<p><strong>Warum?<br \/><\/strong>Das war eine Kombination von Gr\u00fcnden. Ich hatte fast alles erreicht au\u00dfer der paralympischen Medaille. Und dann war da noch meine Promotion\u2026<\/p>\r\n<p><strong>Berichte doch mal ein bisschen von deiner Arbeit als Gesamtaktivensprecher \u2026<br \/><\/strong>Als Naturwissenschaftler habe ich die Eigenschaft, dass ich mir Prozesse anschaue und mich am Kopf kratze, wenn ich etwas nicht verstehe, es aber gern verstehen w\u00fcrde. In der Verbandsarbeit kann man keine Experimente durchf\u00fchren, aber man kann Fragen an Leute stellen, die vielleicht eine Antwort haben.<\/p>\r\n<p>Als ich zum Gesamtaktivensprecher gew\u00e4hlt wurde, mussten wir als erstes die Wahl nochmal online nachholen, weil vor Ort nicht gen\u00fcgend Vertreter*innen waren. Das h\u00e4tten sieben Personen sein m\u00fcssen von \u00fcber 20 Sportarten\u2026 Das war schon traurig. Da habe ich sukzessive \u00fcber die Jahre etwas aufgebaut. In diesem Jahr, wo die Veranstaltung online stattgefunden hat, waren 23 von 26 Sportarten da. Am Ende haben sie also verstanden, dass sie da teilnehmen m\u00fcssen.<\/p>\r\n<p>Lange Zeit gab es bei uns eher \u201enordkoreanische\u201c Wahlen, das hei\u00dft, es gab genauso viele Anw\u00e4rter*innen wer Pl\u00e4tze zu vergeben waren. In diesem Jahr gab es zumindest zwei Bewerber*innen auf meine Position. Das fand ich sehr sch\u00f6n. Und auch innerhalb des DBS nimmt man uns mittlerweile mehr wahr.<\/p>\r\n<p><strong>Inwiefern?<br \/><\/strong>Mittlerweile gibt es einen echten Konsultationsprozess. Das erste Mal gab es den als der DBS ein neues F\u00f6rder-Konzept verabschiedet hat. Bevor es in die Umsetzung gegangen ist, haben sie es bei der Vollversammlung der Aktivenvertreter*innen vorgestellt und deren R\u00fcckmeldungen eingearbeitet. Wir haben uns dar\u00fcber sehr gefreut, schlie\u00dflich hat es sehr lange gedauert, bevor man die Athlet*innen mal fragte, bevor man das Zeug raushaut.<\/p>\r\n<p><strong>Was war f\u00fcr dich pers\u00f6nlich ein H\u00f6hepunkt in deiner Zeit als Gesamtaktivensprecher?<br \/><\/strong>Als der DBS davon profitiert hat, dass er einen Physiker als Gesamtaktivensprecher hatte. Es ging darum, dass wir so etwas wie POTAS in klein entwickeln sollten, um das Budget auf die Sportarten zu verteilen. Ein Sachbearbeiter hat daf\u00fcr ein mathematisches Modell entwickelt, bei dem die einzelnen Sportarten f\u00fcr gewisse Ma\u00dfnahmen Punkte bekommen haben. Das war an sich ein sinnvolles Konzept. Das einzige Problem war, dass Schwimmen und Leichtathletik derartig viele Punkte abger\u00e4umt h\u00e4tten, dass sie so viel Budget akquiriert h\u00e4tten, dass f\u00fcr die anderen nichts mehr \u00fcbriggeblieben w\u00e4re. Dann wurde eine harte Maximalpunktzahl eingef\u00fchrt \u2013 auch das war gar nicht mal das Problem. Allerdings hatten Leichtathletik und Schwimmen quasi sofort die maximale Punktzahl erreicht. Somit fehlte ihnen dann jede Motivation, weitere Punkte zu generieren, weil sie ja nicht noch mehr Geld bekommen konnten. Da meinte ich dann, dass das Konzept vielleicht doch noch L\u00fccken h\u00e4tte. Aber da war es schon komplett mit dem BMI einget\u00fctet. Da habe ich gefragt, ob ich mal kurz einen Gegenvorschlag machen kann, wie man das mathematisch modellieren kann. Das ist gl\u00fccklicherweise Teil meiner Ausbildung als Physiker. Rausgekommen ist dann eine \u00a0stetig differenzierbare Funktion ohne Maximalwert, die auf viel Gegenliebe gesto\u00dfen ist. So viel, dass der DBS dann nochmal zum BMI gegangen ist und das ganze Projekt nochmal aufgedr\u00f6selt hat. Bis heute steckt glaube ich mein mathematisches Modell hinter der Budget-Vergabe im DBS.<\/p>\r\n<p><strong>Und gab es auch Tiefpunkte?<br \/><\/strong>Eigentlich nicht \u2013 ich wollte das ganze nie hinschmei\u00dfen und bin auch nie in harte Interessenskonflikte gekommen. Trotzdem: Den Job nimmt man ja an, weil man sich doch ab und zu gerne die Boxhandschuhe anzieht und mal guckt, was dann passiert. Man muss sich danach nur immer wieder zusammensetzen k\u00f6nnen und versuchen, konstruktiv eine L\u00f6sung zu finden. Aber sich zwischenzeitlich mal ordentlich die Meinung zu sagen, finde ich eigentlich ganz erfrischend.<\/p>\r\n<p><strong>Warum hast du jetzt aufgeh\u00f6rt?<br \/><\/strong>Ich bin nach der Promotion direkt in die IT-Beratung gegangen. Mit meinem Lebenslauf bin ich da nicht allein. Also vielleicht sportlich schon aber ein Kollege von mir hat beispielsweise mit 25 mit Summa Cum Laude promoviert. Das ist da eine sehr angenehme Atmosph\u00e4re. Man ist nie der Schlauste im Raum. Ich habe den Ehrgeiz, das Wissen da m\u00f6glichst intensiv aufzusaugen und bin zudem \u00a0auch schon ein paar Jahre aus dem aktiven Sport raus. Da merkt man dann, dass man gehen sollte. Und das habe ich dann auch gemacht. Ich glaube ich habe in meiner Amtszeit keinen allzu schlechten Job gemacht. Jetzt ist es Zeit, dass ich mich auf andere Aufgaben konzentriere.<\/p>\r\n<p>Ich habe im letzten Jahr eigentlich schon die \u00dcbergabe eingeleitet an die designierte Nachfolgerin, die es dann auch geworden ist. Ich habe sie mehr mit eingebunden und habe mehr und mehr Arbeit an sie \u00fcbergeben. Damit geht jetzt der Reibungsverlust bei der \u00dcbergabe gen null.<\/p>\r\n<p><strong>Warum ist die Vertretung von Athlet*innen durch einen Aktivensprecher so wichtig?<br \/><\/strong>Das ist sehr simpel. Das Entscheidungsgremium im DBS hat niemals die vollst\u00e4ndige Informationsbasis, um ihre Entscheidungen zu f\u00e4llen. Ich gehe davon aus, dass die Leute, mit denen ich zusammengearbeitet habe, ihre Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen gef\u00e4llt haben. Aber dieses Wissen k\u00f6nnen sie nicht durch Meditieren erreichen, sondern das muss man an sie herantragen. Und da hilft es halt, ab und zu einfach einen Aktivenvertreter dabei zu haben, der sagt, so, das ist ja sch\u00f6n und gut, aber die Realit\u00e4t sieht etwas anders aus.<\/p>\r\n<p><strong>Drei Tipps, die du deinen Nachfolger*innen auf den Weg geben w\u00fcrdest?<br \/><\/strong>Nimm nichts pers\u00f6nlich., versuche die Intention der anderen zu verstehen. frage m\u00f6glichst viel.<\/p>\r\n<p><strong>Was macht gute Aktivensprecher*innen\/Athletensprecher*innen aus?<br \/><\/strong>Verl\u00e4sslichkeit, Motivation, Fairness, Weitsicht<\/p>\r\n<p><strong>M\u00f6chtest du noch etwas loswerden?<br \/><\/strong>Ja. Ich habe kein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, wenn man sagt, dass alles schlecht ist und dann die Chance nicht nutzt, es besser zu machen. Wenn man Kritik \u00e4u\u00dfert und dann einer auf einen zukommt und anbietet, es besser zu machen, dann muss man auch mitziehen. Diejenigen, die dann auf ihrem Mecker-Posten bleiben und nicht mitdenken, verstehe ich nicht. F\u00fcr mich steckt da eine Faulheit dahinter, mit der sich wahrscheinlich 80 Prozent der Probleme der Welt erkl\u00e4ren lassen.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Marc Schuh, dem ehemaligen Gesamtaktivensprecher des DBSMarc Schuh hat sich vier Jahre als Gesamtaktivensprecher des Deutschen Behinderten Sportverbands f\u00fcr die Rechte der Athlet*innen stark gemacht. Im November gab er den Staffelstab an seine Nachfolgerin, Rollstuhlbasketballerin Mareike Miller weiter. Wir haben den ehemaligen Rollstuhlsprinter gefragt, was am Ende der bewegten Jahren bleibt. 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